Seit gestern sind österreichweit die von der Regierung gesetzten Öffnungsschritte im Kinder- und Jugendsport in Kraft. Das bedeutet, dass Vereinstraining für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre wieder möglich ist. Freilich gilt das nur unter Einhaltung eines 2-Meter-Abstandes und einer maximalen Gruppengröße von 10 Personen. (Detaillierte Informationen dazu finden Sie auf der Website des zuständigen Bundesministeriums.) Wie essentiell die tägliche Bewegung vor allem für Kinder ist, und welche Auswirkungen der Bewegungsmangel in unserer digitalisierten Welt hat, beleuchtete Dr. Lucas Pawlik vor Kurzem in einem Artikel auf Springer Medizin Österreich.

Bewegungsmangel im Alltag

„Der menschliche Organismus ist für sein Funktionieren und seine Existenz neurobiologisch von der Integration von Bewegung in seinem Lebensalltag abhängig“, schreibt Dr. Pawlik in seinem Beitrag. Das bedeutet, dass wir ohne Bewegung langfristig nicht gesund oder lebensfähig sind. Denn ausreichende tägliche Bewegung hält nicht nur unseren Körper und Geist gesund. Sie ist auch Voraussetzung dafür, um Krankheiten wie Krebs, Herzkreislauf-Erkrankungen und Diabetes zu überstehen bzw. gut damit zu leben.

Unser zunehmend digitales Leben reduziert unsere tägliche Bewegungszeit. Wie der Artikel anführt, rechnete die WKO bereits vor der Corona-Pandemie mit steigenden Ausgaben in Europa, die aufgrund des Bewegungsmangels und seiner Folgen verursacht werden. Corona schränkt unsere Aktivitäten nun seit mehr als einem Jahr noch zusätzlich ein. Studien zeigen bereits, dass Kinder lebenslange gesundheitliche Schäden durch den Bewegungsmangel im Lockdown davontragen werden.

Kinder besonders gefährdet

Vor allem Kinder und Jugendliche sind einerseits durch die zunehmende Digitalisierung, andererseits durch den Wegfall sportlicher Betätigungen im Corona-Lockdown besonders betroffen. Die fehlende Bewegung in jungen Jahren wirkt sich unweigerlich auf die Gesundheit als Erwachsener und im Alter aus. 84 % aller heranwachsenden Mädchen und 78 % der Buben leiden schon jetzt unter einem starken Bewegungsmangel.

Daher empfahl die WHO bereits vor längerem eine Stunde Bewegung täglich. Eine Forderung, der in Österreich schon 2012 mit der Initiative „Tägliche Turnstunde“ Ausdruck verliehen wurde. Die Initiative erreichte damals mehr als 150.000 Unterschriften für eine tägliche Turnstunde in Kindergarten und Schule. Im Sommer des vergangenen Jahres erneuerten die Verantwortlichen der großen heimischen Sportverbände dieses Anliegen gerade auch in Hinblick auf die Lockdown-Auswirkungen.

Digitalisierung und Bewegung vereinen

Doch selbst wenn diese eine Turnstunde pro Tag in die Realität umgesetzt wird, genügt das laut Dr. Pawlik nicht mehr. Denn den Rest der Zeit verbringen unsere Kinder sitzend, vor dem Laptop oder dem Smartphone. Eine Stunde Bewegung ist als Ausgleich dazu nicht ausreichend. Gleichzeitig müssen die Kinder aber auch den Anforderungen der digitalen Gesellschaft gerecht werden. Ihr künftiges Berufsleben wird stark von den digitalen Medien abhängen, schreibt Dr. Pawlik: „Daher ist der Mangel an körperlicher Aktivität in der heutigen digitalen Gesellschaft ein dringendes systemisches Problem.“ Wenn dieses Problem mit Ereignissen wie den Covid-Lockdowns zusammenfällt, führt das zum systemischen Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Die wichtigste Forderung von Pawlik ist daher ein „artgerechtes Leben für Menschen“, der digitale Fortschritt dürfe nicht biologisch zerstören.

Bewegungsverständnis entwickeln

Um dieses artgerechte Leben zu erreichen, in dem Bewegung Teil des Tagesablaufs und nicht nur ein weiterer Punkt auf der To Do-Liste ist, müssen drei Punkte erfüllt werden. Erstens müssen die 60 Minuten täglicher Bewegung umgesetzt werden. Zweitens müssen gerade Kinder Muskeln und Knochen stärken. Speziell darauf ausgerichtete Übungen sollten mindestens drei Mal pro Woche durchgeführt werden. Der dritte Faktor ist die Verbindung von Freude und täglicher Bewegung. „Sport alleine ist kein Ersatz für einen durchdachten Bewegungsalltag“, schreibt Pawlik. Wichtiger ist es, die Bewegung als Teil des täglichen Ablaufs zu begreifen.

Bewegungsforschung

Schlussendlich hilft die tägliche Bewegung auch dabei, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Denn sie ist unbedingt notwendig, um neue Gehirnzellen zu produzieren und zu vernetzen (Neurogenese). Dr. Pawlik ist in der Bewegungsforschung tätig und sieht in Aktivitäten und Spielen, die natürliche und evolutionäre Bewegungsabläufe imitieren, einen besonders vielversprechenden pädagogischen Ansatz. Um die Bewegung schon von klein auf in den Alltag zu integrieren, braucht es eine Umstrukturierung im Bildungssystem. Dann können sich unsere Kinder in Zukunft sowohl in der digitalen als auch der realen Welt beschwerdefrei und lange bestens bewegen.